Filmkollektiv Zürich: Zur Geschichte


WoZ 27.Oktober 1995

Zwanzig Jahre Filmemachen im Kollektiv

Was zählt, ist das Wie

Letzten Samstag feierte das Filmkollektiv Zürich (FKZ) bescheiden und unter Ausschluss der grossen Öffentlichkeit sein zwanzigjähriges Bestehen. Urs Graf, der von Anfang an dabei war, zu Geschichte und Selbstverständnis des FKZ.

Gespräch: Alexandra Schneider

WoZ: Urs Graf, du arbeitest seit 1975 beim FKZ. Wie bist du damals zum FKZ gestossen, und was waren deine damaligen Beweggründe mitzumachen.

Urs Graf: Ich denke, ein zentrales Motiv war die Möglichkeit, mit Leuten arbeiten zu können, die ähnliche politische Vorstellungen hatten. Das FKZ entstand aus Leuten, die schon vorher zusammengearbeitet haben.

Und über die Freundschaften hinaus?

Ein wichtiger Grund, weshalb das FKZ überhaupt entstanden ist, war die Unzufriedenheit der Techniker mit dem technischen Material, das ihnen von verschiedensten Produktionsfirmen zur Verfügung gestellt wurde. Sie haben sich zusammengetan, um ihre eigene Ausrüstung zu besitzen. Dieses Material stand nun auch zur Verfügung, um schnell und unkompliziert Interventionsfilme beginnen zu können.*

Was steht für Dich heute im Vordergrund deiner Arbeit im Kollektiv?

Für mich spielt der sinnliche Bezug zum Material Film eine zentrale Rolle.: Dass ich als Autor nicht in einem beliebigen Büro sitze, sondern an einem Ort arbeite, wo Filme geschnitten, wo Ton überspielt und Filme projiziert werden. In einer solchen Werkstätte ergibt sich ein praxisbezogener Umgang mit dem Film - filmische Formen entstehen nicht als Ideen am Bürotisch, sondern aus der Beziehung zum Material, das dort täglich bearbeitet wird. Worin wir uns treu geblieben sind, ist auch unser Selbstverständnis als Techniker. Für mich bleibt das wichtigste der anregende Austausch mit anderen beim Kaffee oder beim Mittagessen.

Konnte und kann man von gemeinsamen Zielen und Idealen des Filmkollektivs sprechen?

Von aussen gesehen, verbindet man mit dem FKZ vor allem soziale Themen. Ich selber würde aber nie auf die Idee kommen, das FKZ von dieser Seite her zu definieren. Was uns gemeinsam interessiert und verbindet, sind ästhetische Fragen. Schon seit langem, vielleicht je länger, je mehr, ist das, was uns an den Filmen beschäftigt, das Wie. Das wird zum Teil vielleicht anders gesehen, aber wir betrachten unsere Gestaltungsarbeit als etwas wesentlich Politisches.

Wenn man die List der von euch realisierten oder koproduzierten Filme betrachtet, fällt auf, dass ihr euch vornehmlich mit schweizerischen Themen befasst habt. Ist dies Ausdruck eines bestimmten Selbstverständnisses?

Ja, man kann das als inhaltlichen Entscheid bewerten, als eine Form eines unausgesprochenen Programms. Bei uns entstehen Filme, die sich mit schweizerischem Alltag befassen, zuletzt in Koproduktion mit Thomas Imbachs "Well Done" über den heutigen Büroalltag. Insofern stimmt es eigentlich auch nicht, wenn man sagt, die inhaltliche Frage sei etwas Unpolitisches. Für uns ist das Leben hier unter seinen schweizerischen Bedingungen ein durchgehendes Thema.

In die Produktionszeit deines Films "Kollegen" (1979) fiel die Krise des FKZ. Die FilmtechnikerInnen haben ihr eigenes Kollektiv gegründet, und es hat eine definitive Trennung von den Leuten gegeben, die Produktionsarbeiten geleistet haben. Was ist damals passiert?

Man hatte gespürt, dass wir im FKZ anfänglich verschiedene Interessen miteinander verquickten, die auf die Länge auseinanderdividiert werden mussten. Die Trennung von den Filmtechnikern war vernünftig, da die im Haus arbeitenden Dokumentarfilmautoren und die meistens auf fremden Spielfilmproduktionen beschäftigten Techniker keine gemeinsame Grundlage für kollektive Entscheide fanden. Der Hauptkonflikt im Kollektiv mit den Leuten, die als Produzenten mit externen Autoren Kinospielfilme herstellen wollten, lag wohl auch darin, dass sie sich auf einem Feld bewegten, auf dem die Marktbedingungen besonders wirksam sind. Sie sagten: Will man wichtige Filme ins Kino bringen, muss man bestrebt sein, zu einem gewissen Machtfaktor in der Branche zu werden. Deshalb müssten auch bestimmte attraktive Filme herausgebracht werden, damit die Kinos auf sie angewiesen sind. Bestimmte Formen des Spieles nach den Bedingungen des Marktes lehnten wir Dokumentarfilmautoren ab. Worauf sie uns Purismus vorwarfen.

Bist du heute noch ein Purist? Oder hat sich da in den achziger und neunziger Jahren etwas verändert?

Nein, ich würde das immer noch vertreten. Man muss hinter jedem einzelnen Film, den man produziert und herausbringt, stehen können.

1979 hast du deine Filmarbeit mit dem Begriff Emanzipation beschrieben, was die Filmästhetik und somit die Wirkung anbelangt. Ist Emanzipation noch immer zentral in deiner Filmarbeit?

Wenn Emanzipation zum Programm wird, impliziert sie eine bestimmte Form von Didaktik. Wenn ich Filme für die Emanzipation der Zuschauer mache, dann versuche ich etwas mit diesen zu machen. Insofern habe ich etwas Schwierigkeiten, den Begriff so weiter zu verwenden, wie ich ihn damals gebraucht habe.

Gibt es etwas, das diesen Begriff ersetzt hat?

Wir wollen niemanden etwas lehren, sondern uns mit Dingen befassen, zu denen wir uns selbst Fragen stzellen, ohne Antworten zu haben. Filme, die uns interessieren, befassen sich dabei nicht nur mit einer ausserfilmischen Thematik, sondern auch mit ihrer "Sprache". Sie benutzen nicht einfach deren Konventionen, sondern arbeiten an dieser. Unsere Filme vermitteln keine Botschaften, sondern gehen von Fragen aus und führen zu differenzierteren Fragen. So ist jeder Film ein Versuch eines Vordringens ins Unbekannte - inhaltlich und ästhetisch. So etwa könnte das Programm aussehen, auf das wir uns einigen könnten.

Inwiefern unterscheidet sich das FKZ von anderen, nicht kollektiv organisierten Filmproduktionsfirmen?

Wir hören immer wieder, dass Leute Schwierigkeiten haben, wenn sie mit Produzenten zusammenarbeiten. Nach meiner Erfahrung von 68 finde ich es seltsam, dass ein Filmautor, der ein Projekt ausgearbeitet hat, zu einem Produzenten geht und sich anstellen lässt. Im Extremfall kann er entlassen werden. Das sind doch unglaubliche Bedingungen, auf die sich diese Leute einlassen. Ich sage: warum gründet ihr nicht ein Kollektiv, oder sucht euch jemanden, mit dem ihr in partnerschaftlichen Produktionsverhältnissen zusammenarbeiten könnt? Bei uns ist es eine Regel, dass die Filmautoren als Produzierende im Projekt beteiligt sind.

Wir sind aber kein Kollektiv im üblichen Sinn. Wir sind ein Zusammenschluss von FilmautorInnen. Der enge Kreis verfügt über die Aktienmehrheit der FKZ AG und stellt die Verwaltungsräte. Über diese AG werden unsere eigenen Filmprojekte und die Koproduktionen mit Aussenstehenden abgewickelt. Niemand von uns bezieht einen festen Lohn. Die persönlichen Einkünfte kommen nur aus den laufenden Filmprojekten, falls diese finanziert werden konnten.

Jemand tritt mit einem Projekt an das FKZ mit einem Interesse für eine Koproduktion heran, wie entscheidet ihr?

Bei Nichtmitgliedern setzen wir uns zusammen und entscheiden gemeinsam. Wichtig ist uns, dass wir nicht das Gefühl haben, dass man nur an unserem Namen interessiert ist, um an gewisse Fördergelder zu gelangen. Wir wollen nur Projekte koproduzieren, bei denen wir wirklich mittels Arbeit oder Infrastruktur beteiligt sind. Denn mit jedem Film, der hier entsteht, können wir auch etwas lernen.

Du sagst, ihr wollt nicht, dass man nur mit euch arbeitet, um von eurem guten Namen Gebrauch zu machen; heisst das, das FKZ gehört inzwischen zum Establishment?

Zu Beginn unserer Filmarbeiten wurden zum Beispiel "Zur Wohnungsfrage" von Hans Stürm und "Isidor Huber und die Folgen" von mir und Marlies Graf vom Fernsehen als linksextrem abgelehnt. Wir galten als Nestbeschmutzer. Die Frage, ob man mit dem Namen FKZ einen Teil der Geldgeber abschrecken könnte, spielte in den vergangenen zwanzig Jahren zumindest bei Koproduktionen eine Rolle. Dies scheint aber immer nebensächlicher zu werden. Diejenigen Filme, die früher als extrem galten, würden jetzt wahrscheinlich vom Fernsehen ausgestrahlt werden. Man kann dies als eine erfreuliche Entwicklung betrachten. Auf der anderen Seite ist dies aber auch etwas beunruhigend. Es dürfte auch ein Zeichen dafür sein, wie leicht heute über Dinge hinweggegangen wird - wie leicht etwas vom nächsten Beitrag zugedeckt werden kann. Und so wird das, was früher am Fernsehen und im Kino als Provokation empfunden wurde, zum erwünschten Nervenkitzel.

Im Durchschnitt seid ihr über fünfzig. Strebt ihr eine Öffnung hin zu jüngeren Mitgliedern an?

Natürlich wäre das schön, doch die Arbeit und der Mehraufwand, die mit dem Kollektiv verbunden sind, schrecken oft ab. Wir freuen uns aber immer darüber, wenn wir hören, dass sich Leute anderswo auf ähnliche Weise zusammenfinden. Durch solche Zusammenschlüsse hat sich etwas Grundlegendes in den Beziehungen der Filmschaffenden zueinander verändert. Sie erleben sich nicht nur als Konkurrenten, sondern können richtigehend darüber ärgern, wenn einem Kollegen etwas misslingt.

[Kasten] Zeugnisse politischen Filmens

Entstanden ist die Filmproduktion Filmkollektiv Zürich 1975 aus dem 1972 gegründeten Filmverleih Filmcooperative: ein Zusammenschluss von FilmtechnikerInnen und FilmautorInnen mit dem Ziel, durch die Schaffung eines gemeinsamen Materialparks, einer produktionellen Infrastruktur, die Bedingungen für die Filmarbeit und die Filmproduktion zu verbessern. Ideel standen Fragen der Arbeitsteilung und der Selbstverwaltung im Vordergrund. Kollektives Filmarbeiten, verstanden als Gegenbewegung zu den herrschenden Strukturen, aber auch als Antwort auf die Schwerfälligkeit und Langsamkeit herkömmlicher Filmproduktion. Nur so konnten schnell und billig Filme im engen Austausch mit den damaligen Bürgerbewegungen und politisch aktiven Kreisen realisiert werden. In der ersten Phase, bis Ende siebziger Jahre, sind dabei Werke entstanden, die nicht nur als historische Dokumente, sondern auch als Zeugnisse eines bestimmten politischen Films in der Schweiz, des Interventionsfilms, stehen. Es waren die Filme "Kaiseraugst" (1975), "Lieber Herr Doktor" (1977), "Aufpassen macht Schule" (1978), "Gösgen" (1978). Interventionsfilm steht für eine Variante des politischen Films, der nicht nur als Traktat oder Pamphlet, sondern als eigentlich mehrstimmiger Diskussionsfilm aufgebaut ist, der in den politischen Entscheidungsprozess interveniert. Daneben hat das FKZ in den vergangenen zwanzig Jahren 8 Spielfilme und 29 Dokumentarfilme (ko)produziert.

Urs Graf ist Autor und Mitautor von "Cinéma mort ou vif?" (1978), "Kollegen" (1979), "Wege und Mauern" (1982), "Etwas anderes" (1987), "Seriat" (1991), "Die Farbe des Klangs des Bildes der Stadt" (1993). Bei vielen Produktionen des FKZ hat er mitgewirkt.

Mitglieder des Filmkollektivs Zürich sind heute Beatrice Michel, Marlies Graf Dätwyler, Rob Gnant, Urs Graf und Hans Stürm. Hinzu kommen ausserhalb des engsten Kreises zur Zeit: Mathias Knauer, Eduard Winiger, Otmar Schmid und Thomas Imbach. Alexandra Schneider


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